Trennungsschmerz: Wenn dich das Gefühl völliger Hilflosigkeit überkommt

Die gute Nachricht zuerst: Es ändert sich. Und es ändert dich. Das war’s aber erstmal mit den Lebensweisheiten, denn Fakt ist: Wenn du drin bist, tut es weh. Wenn dich der Schmerz bei einer Trennung so richtig erwischt, zwischen seinen Fingern aufreibt, dann leidest du wie wahnsinnig und eine Zeit lang und dann immer wieder partiell kannst du auf die Schnelle nichts dagegen tun.

Diese Erkenntnis kann hart sein. Denn sie bedeutet, dass man den Schmerz und das „daran Leiden“ ein Stück weit akzeptieren und hinnehmen muss, auch wenn man sich, in ihm gefangen, immer wieder fragt, was denn nun der Sinn davon ist und wie gemein und unfair das Leben sein kann.

Hilflos dem Schmerz ausgeliefert

Ich habe vor allem die Hilflosigkeit im Schmerz als das Vernichtende wahrgenommen. Das Gefühl, klein, schwach und nicht selbstbestimmt zu sein.

Keinen Einfluss nehmen zu können, sowohl auf die Ausgangslage (Vor allem, wenn man verlassen wurde) als auch auf die eigene Gefühlswelt. Und die präsentiert sich in den schillerndsten Farben der Grässlichkeit. Oft verläuft sie wellenförmig – kommt und geht, mal mit ersichtlichem Grund, mal ohne. Und bis zu einem gewissen Zeitpunkt hilft: genau nichts.

Oft verläuft die Gefühlswelt wellenförmig – kommt und geht. Und bis zu einem gewissen Zeitpunkt hilft: genau nichts.

Wenn man sich irgendwie über Wasser halten kann, ist das Tagesziel schon erreicht. Die Verzweiflung ist da wie ein Sumpf und man droht, permanent in ihm unterzugehen.

Gedanken und Erinnerung rollen scheinbar völlig ungefiltert und unaufhaltbar auf einen zu, bohren sich fest und gleichzeitig fühlt es sich an, als werde man von innen mit einer Reibe ausgehobelt, immer dünner wird das eigene, stabile Ich und immer größer der schmerzende Hohlraum in Brust und Kehle.

Wie lange das dauert, und ob es sich mit Wut – die immerhin etwas Kraftvolles hat -, manchmal auch kurzer Euphorie oder 100 anderen verschiedenen Gefühlszuständen abwechselt, weiß man zusätzlich auch nicht.

Alles ist möglich und nichts scheint mehr verlässlich. Unsicherheit auf allen Ebenen, im Innen und im Außen. Denn höchstwahrscheinlich hat sich gerade eine ganze Zukunftsvorstellung in Luft aufgelöst und noch ist da stattdessen: nichts oder nur Schemenhaftes.

Aushalten und Abwarten

Diese Zeit auszuhalten und durchzuhalten ist anstrengend. Und auch das Wissen darum – eine ganz schöne Ressource, wenn man es hat – dass es sich höchstwahrscheinlich ändern wird und man wieder ein stabiler, neuer Mensch wird, hilft lange Zeit nichts, wenn der Körper und die Gefühle noch nicht dort angekommen sind.

Wie oft habe ich mich darüber geärgert: Warum soll das denn alles notwendig sein, all dieser Schmerz, wenn mein Kopf doch schon weiter ist?

Und immer erst aus der Nachsicht betrachtet wird klar, dass es diese Zeit braucht, um so eine Krise zu verarbeiten. Dass es seine Zeit braucht, wieder man selbst und heil zu werden, dass es seine Zeit braucht, sich wieder „herzustellen“ – und das kann auch bedeuten, dass man ein Stück weit ein neuer Mensch wird. Mit einer neuen Erfahrung, die viel umkrempeln kann.

Das Dünnhäutige und das Gefühl, unstabil und zartbesaitet zu sein, hat für mich auch mitgebracht, dass viele Themen mich auf einmal anders und neu berührt haben.

Alles konnte leicht zu mir vor- und in mich eindringen – im Guten wie im Schlechten. Und je mehr Zeit verging, desto klarer konnte ich das Vergangene betrachten und desto häufiger war ich mit eigenen Themen und Erkenntnissen über mich konfrontiert.

Die Chance, sich selbst neu zu begegnen

Ganz langsam kann so etwas Neues wachsen, und ganz langsam kann einem gewahr werden, dass nicht nur Schlechtes aus der Krise erwächst, sondern, tja, dass das, was so oft geschrieben und gesagt wird, wahr ist: Es gibt einem auch die Chance, sich selbst neu zu begegnen, etwas über sich herauszufinden und die Weichen für die Zukunft neu zu stellen.

Es gibt einem auch die Chance, sich selbst neu zu begegnen, etwas über sich herauszufinden und die Weichen für die Zukunft neu zu stellen.“

Diese leichte Zuversicht kann gerne auch mal am nächsten Tag wie weggewischt sein, wenn Schmerz und Verzweiflung wieder aus ihrer Deckung kommen und einen überfallen. Und das passiert anscheinend so lange, wie es der Körper für einen vorsieht – Gegenwehr scheint zwecklos.

Was nicht heißt, dass man sich – ab einem gewissen Zeitpunkt – auch damit auseinandersetzen kann, was einem dennoch an Selbstbestimmung bleibt. Schmerz, der über einen kommt, ist etwas anderes, als sich freiwillig immer wieder in die Opferrolle und ins Leiden zu begeben.

Die meisten kennen das: Den oder die Ex in Social Media stalken, Vergangenes immer und immer wieder durchspielen oder Vorwürfe und die anklagende Frage: Wie konntest du mir sowas antun?

Entscheidung treffen: Vergangenheit oder Zukunft?

Alles davon ist berechtigt und ich bin die Letzte, die behauptet, dass stets die Zeit für Selbstdisziplin ist. Aber: Es gibt einen Zeitpunkt, ab und an dem du entscheiden kannst: Will ich da immer wieder hin? Oder setze ich mir eine liebevolle Grenze?

Und wenn das mal – und es wird nicht sofort klappen – funktioniert, dann hat man ein kleines Stück Selbstbestimmtheit und Entscheidungsgewalt zurück.

Ich glaube, es ist etwas zutiefst Menschliches, sich nicht schwach fühlen zu wollen. Sondern die Kontrolle über Situationen und sein Leben zu haben und zu erhalten. Manche machen das scheinbar sehr erfolgreich, und installieren sich selbst und ihre Beziehungen so, dass sie die Kontrolle nie abgeben müssen, zum Beispiel in dem sie sich entziehen oder sich gar nicht erst einlassen.

Und andere, mich eingeschlossen, haben sich in ihrem Leben bisher vielleicht noch nicht so oft mit diesem Thema konfrontiert gesehen. Verlust und Trennung können das eigene Konzept erschüttern und einem klar machen: Vollständige Kontrolle ist eine Illusion. Wer sich einlässt, auf Beziehungen und aufs Leben, der*die kann erschüttert werden und die Kontrolle verlieren.

Aber das zulassen zu können (ich gebe zu, es kann sich auch einfach so anfühlen, als hätte man keine andere Wahl), scheint mir das einzige Mittel, gut und vielleicht sogar besser und stärker wieder herauszukommen.

Denn das ist klar: Man wird herauskommen. Und wenn man anfängt, das auch langsam und immer mal wieder zu fühlen, ist schon viel geschafft. Man darf sich also auf die Schulter klopfen, jederzeit in diesem sau anstrengenden Prozess, man darf stolz auf sich sein, wenn es geht. Und gleichzeitig Trauer und Verzweiflung fühlen.

Trennungsschmerz ist eine widerliche Angelegenheit, Punkt.

Das ist nicht in erster Linie ein Motivations-Text oder „Sieh doch das Positive“-Appell. Trennungsschmerz ist eine widerliche Angelegenheit, Punkt.

Aber die Auseinandersetzung damit ist unweigerlich. Man muss durch, man wird durchkommen. Und darin liegt für mich zumindest etwas Tröstliches und minimal Versöhnliches. Menschen vor mir haben diese Erfahrung gemacht, und sie werden es nach mir tun. Und jetzt ist anscheinend meine Zeit.

Dieser Text ist bei imgegenteil.de erschienen