Sexualität nach Geburt und Schwangerschaft: Muss ich meinen Körper nach der Geburt neu kennenlernen?

Schwangerschaft und Geburt sind lebensverändernde Ereignisse. Das ist so klar, dass man darüber keinen Artikel schreiben muss. Und während gerade das Außen die Veränderung vor allem in der plötzlichen Existenz eines (oder auch mehr…) neuen Menschen sieht, deren Bedürfnisse befriedigt werden müssen, die im besten Fall geliebt und umsorgt werden und die bisherige Dynamik völlig auf den Kopf stellen, finden Veränderungen natürlich genauso stark im eigenen körperlichen Bereich statt, nicht immer so sichtbar für jede und jeden.

Da sind zum einen der real veränderte Körper: die gewachsene Gebärmutter und Bauch während der Schwangerschaft, sich verändernde Hormone, die Brüste, der Beckenboden, eventuelle Verletzungen im Vagina- oder Dammbereich, vielleicht eine Narbe vom Kaiserschnitt oder/und etc. Wenn sich etwas an unserem Körper verändert – und dann auch noch so schnell – reagieren wir darauf: Es kann sich anders anspüren; vielleicht ist etwas Gewohntes von früher nicht mehr möglich oder ein neues Gefühl dazugekommen. Und hier wird es ganz individuell: Wie sich etwas für uns anfühlt, wird zwar einerseits davon beeinflusst was sich auf welche Weise am Körper verändert hat – trotzdem kann sich die scheinbar „gleiche“ Veränderung im Körpergefühl jeder Einzelnen ganz verschieden bemerkbar machen und auch völlig unterschiedlich selbst bewertet werden.

Und dieses spannende Phänomen beziehungsweise das Gefühl zum eigenen Körper ist auch für die Sexualität wichtig. Ein Thema, um das es immer wieder auch im Kontext mit Schwangerschaft und Geburt geht. Oft werden dabei vor allem Fragen diskutiert wie: ab wann kann oder „sollte“ man wieder Sex haben? Tut das erste Mal Sex nach der Geburt weh? Wie bekomme ich wieder Lust? Wie vereinbart man Kind und Sexleben? Alles spannende und berechtigte Fragen, doch ich würde gern einen Schritt zurück gehen und die Frage stellen:

„Wie kann sich das Gefühl zum eigenen sexuellen Körper nach der Geburt ändern – und wie gehe ich damit um?“

Mit dem eigenen „Sexuellen Körper“ ist gemeint: Wie fühle ich mich in Bezug auf Sexualität? Wie ist meine Beziehung zu meinen Geschlechtsteilen? Auf welche Arten kann ich meinen Körper einsetzen um mit ihm sexuelle Erregung zu spüren? Ganz konkret heißt das: Was mache ich mit ihm beim Sex mit mir selbst oder jemand anderem? Der Einsatz unserer Körper-Tools beeinflusst nämlich maßgeblich unser Erleben: Wie ich atme, wo ich an- oder entspanne, welche Bewegungen ich mache, und wie groß oder klein, schnell oder langsam die sind: all das zusammen kreiert auch die geilen Gefühle oder eben andere Wahrnehmungen. Ein ganz wichtiger Baustein in der Sexualberatung – das sind Fragen, die ich mit jeder Klientin bespreche und erkunde, denn sie sagen viel aus über das eigene sexuelle System und die persönliche Sexualbiographie, und bilden so die Grundlage für mögliche Erweiterungen und Handlungsschritte.*

Jeder Mensch hat sich auf individuelle Art sexuell kennengelernt, jede/r verfügt über andere Kompetenzen, hat unterschiedliche Spürfähigkeiten, Vorlieben und „Einsatzmöglichkeiten“ des eigenen Körpers. (Das ist ein gar nicht oft genug zu erwähnender Fact: Denn viele glauben, Sexualität sei etwas einmal fest installiertes und nicht mehr veränderbar. Nein! Sexualität ist erlernt und dementsprechend kann ein Leben lang etwas dazugelernt werden). Mit diesem so unterschiedlichen „Sexual (Body)Set“ geht ein Mensch dann in die Schwangerschaft und erlebt eine Geburt. Dementsprechend divers sind dann auch die Erfahrungen und Herausforderungen, die auf einen zukommen können. In meiner Arbeit höre ich manche Themen besonders häufig. Ich habe eines hier herausgegriffen, weil es oft vorkommt, nicht weil es „am wichtigsten“ ist. Glaubt mir, es gibt a) alles und b) alles, so klein oder groß, sicht- oder unsichtbar, kann für jemanden enorm wichtig sein. Und das darf es auch!

Neubesetzung von Körperteilen

Körperteile können plötzlich „neu besetzt“ sein. Wenn die Brust vorher vielleicht ein sexuell erregbares Körperteil war und eine Rolle spielte beim Sex, erfüllt sie, wenn jmd. stillt, nun plötzlich einen völlig neuen Zweck und ist vielleicht zusätzlich auch noch besonders empfindlich an der Brustwarze. Klar, dass der Körper dann mal auf „Hold“ stehen kann und genug mit dieser „Neu-Verwendung“ beschäftigt ist. Genauso kann das auch mit der Vagina oder Vulva sein, die zwar in dem Sinne keine neue regelmäßige „Sache“ macht, aber durch die Geburt (ob nun vaginal oder nicht: auch wenn ein Kaiserschnitt keinen direkter Einfluss auf den Beckenboden hat, kann er indirekt dennoch betroffen sein) ist nun mal etwas völlig Neues durch sie hervorgebracht worden und auch das kann das Gefühl – sei es nun Hochachtung oder auch Entfremdung – zu ihr ändern. Oft ist so ein Gefühl temporär und verändert sich auch wieder. Wenn das nicht der Fall ist, oder Angst in die Richtung besteht, ist es immer ein guter Ausgangspunkt, mal zu schauen: wie war es denn vorher? Gab es da schon eine stabile Beziehung zur Vagina, der Vulva, den Brüsten etc. und wie sah die aus? Kanntest du deinen Beckenboden auch schon früher, oder ist das etwas Neues für dich, das du überhaupt erst seit der ganzen Beschäftigung mit Geburt und Schwangerschaft gehört hast?

Wie kann ich mich mit meinem Körper re-connecten?

Um sich mit seinem Körper im sexuellen Sinne zu re-connecten (oder auch überhaupt mal zu connecten!) gibt es viele Möglichkeiten und körpertherapeutische Ansätze. Allgemein gesprochen geht es dabei meistens darum, sich (wieder) vertraut miteinander zu machen, das eigene Geschlecht kennenzulernen und über alle Sinne eine Verbindung aufzubauen. Und das geht nun mal besser mit dem Spüren des eigenen Körpers als über den Kopf. Eine einfache Übung dazu ist z.B. sich jeden Tag bewusst ein paar Minuten Zeit zu nehmen für ein bestimmtes Körperteil. Dabei gilt: lieber regelmäßig kurz, als nur einmal lang. Wie kann das konkret aussehen? Suche dir einen Zeitpunkt, der passend ist, das kann z.B. nach dem Aufstehen sein, vorm Einschlafen, oder auch unter Dusche – oder wann immer es für dich passt. Berühre jetzt deine Vulva, den Vaginaeingang, deine Brüste oder was du dir ausgesucht hast. Versuchs ohne Bewertung, spür mal, wie es sich anfühlt. Und zwar zum einen für deine Finger – und dann aber auch für die Oberfläche des Körperteils. Es gibt kein richtig und falsch für die paar Minuten. Wenn du es ein paar mal gemacht hast, versuche ein bisschen zu spielen und zu variieren: z.B. mit Geschwindigkeit. Oder dem Druck. Bewege einmal nur deine Finger/Hand – ein anderes Mal hältst du damit still und bewegst deinen ganzen Körper AN der Hand oder den Fingern. Versuche, dabei ganz tief in den Bauch zu atmen. Du kannst auch mal bewusst dabei lächeln, denn ja, der Körper merkt das. Sinn dieser Übung ist es, neue Spür-Verbindungen herzustellen. Denn zum einen können wir auch nur (sexuell) genießen, was uns erschlossen/bekannt ist (ergo: wir müssen es kennenlernen und das geht nun mal nicht mit dem Verstand!), zum anderen müssen die Spür-Wege immer und immer wieder gegangen werden, damit wir sie dann auch ganz ohne darüber nachzudenken lustvoll ablaufen lassen können. Dazu trägst du mit dieser Übung bei.

Um das „Innen“ deines Körpers besser zu spüren und so z.B. mit der Vagina zu connecten, sind alle Bewegungen gut, in denen du dein Becken gut wahrnimmst. Das kann heißen: Becken schaukeln, wiegen, kreisen lassen – und das geht in verschiedenen Kontexten. Zum Beispiel beim Tanzen. Oder während du am Schreibtisch sitzt. Wenn du die Yoga Übung Katze-Kuh kennst, kann dir das helfen: Es geht darum, das Becken mal vor und zurück zu kippen und dabei zu beobachten: Wie atme ich? Wann atme ich ein? Was spüre ich? Wo ist Anspannung im Körper und wo nicht? Für diese und weiterführende Selbstwahrnehmungs- und Spür-Stärkungs Übungen ist, gerade wenn es sich wirklich komplett neu oder komisch anfühlt, eine geführte Begleitung eine super Idee. Aber herumexperimentieren kann man auch alleine sehr gut – denn letztendlich bist du selbst diejenige, die das beste Übungs-Tool, nämlich den eigenen Körper, immer dabeihat.

Dieser Text ist auf theweeks.de erschienen